Man muss keinen fertigen Vortrag mitbringen. Man muss kein ausgewiesener Experte sein. Manchmal genügt eine Frage, ein Problem oder ein Thema, über das man sich mit anderen austauschen möchte. Genau darin liegt die besondere Stärke eines Barcamps.
Am vergangenen Wochenende war ich beim Barcamp Nürnberg 2026. Es war mein erstes Barcamp seit längerer Zeit – und gleichzeitig eine Erinnerung daran, warum dieses Veranstaltungsformat einmal so viele Menschen begeistert hat.
Mit ungefähr 25 bis 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war es eine kleine Veranstaltung. Doch gerade dadurch entstand eine persönliche und offene Atmosphäre. Man kam schnell miteinander ins Gespräch, hörte einander zu und konnte Themen vertiefen, für die auf einer klassischen Konferenz oft kaum Platz bleibt.
Das Barcamp war also keineswegs zu klein, um gut zu sein. Im Gegenteil: Die Sessions waren vielfältig, die Gespräche intensiv und die Begegnungen persönlich. Trotzdem blieb am Ende eine Frage hängen:
Warum kennen heute so wenige Menschen das Barcamp-Format – und wie können wir es wieder stärker ins Bewusstsein bringen?
Was ist ein Barcamp überhaupt?
Ein Barcamp wird häufig als „Unkonferenz“ bezeichnet. Das klingt zunächst etwas sperrig, beschreibt den entscheidenden Unterschied zu einer klassischen Konferenz aber ziemlich gut.
Bei einer normalen Konferenz stehen Programm, Vorträge und Referenten meistens schon Wochen oder Monate vorher fest. Die Besucher buchen ihr Ticket, nehmen Platz und hören zu.
Bei einem klassischen Barcamp ist das anders. Zu Beginn des Tages gibt es noch keinen fertigen Sessionplan. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde können alle Teilnehmer ein Thema anbieten. Diese Vorschläge werden kurz vorgestellt und anschließend gemeinsam auf Räume und Uhrzeiten verteilt.
So entsteht das Programm unmittelbar vor Ort – durch die Menschen, die tatsächlich an diesem Tag anwesend sind.
Eine Session kann vieles sein:
- ein kurzer Vortrag,
- eine technische Vorführung,
- ein Workshop,
- eine moderierte Diskussion,
- eine Projektidee,
- eine offene Frage,
- oder ein konkretes Problem, für das jemand Erfahrungen und Lösungsansätze sucht.
Man muss also nicht mit einer ausgearbeiteten Präsentation und 50 PowerPoint-Folien anreisen. Ein Satz wie „Ich beschäftige mich gerade mit diesem Problem – wer kennt das und möchte darüber sprechen?“ kann bereits eine sehr gute Session eröffnen.
Das ist ein wichtiger Punkt, denn viele Menschen glauben, sie hätten nichts vorzutragen oder seien nicht fachkundig genug. Bei einem Barcamp geht es aber nicht darum, sich auf eine Bühne zu stellen und den allwissenden Experten zu spielen. Es geht darum, Wissen, Fragen und Erfahrungen miteinander zu teilen.
Das Sessionboard zeigt, wie ein Barcamp wirklich entsteht
Die beiden Sessionboards aus Nürnberg machen das Prinzip sehr schön sichtbar. Am Morgen waren es zunächst nur freie Felder mit Uhrzeiten und Räumen. Dann kamen nach und nach die handgeschriebenen Themenzettel hinzu.
Auf einmal standen dort Sessions über KI, Automatisierung und Onlinewerkzeuge neben Kommunikation, alten Intel-Macs, Kanban und Amateurfunk. Diese Mischung hätte wahrscheinlich kein Planungskomitee Monate vorher genau so zusammengestellt.
Aber genau das ist die Stärke eines Barcamps: Das Programm folgt nicht nur einem angenommenen Interesse einer Zielgruppe. Es entsteht aus den tatsächlichen Interessen, Erfahrungen und Fragen der Menschen im Raum.
Meine Session über Amateurfunk
Ich selbst habe eine Session zum Thema Amateurfunk angeboten. Auf einer typischen IT- oder KI-Konferenz wäre dieses Thema möglicherweise gar nicht erst im Programm gelandet. Beim Barcamp war das kein Problem.
Und die Reaktion hat gezeigt, warum diese Offenheit wichtig ist: Die Session wurde sehr gut angenommen. Es entstanden Fragen und Gespräche, und Menschen bekamen einen Einblick in ein technisches Hobby, das weit mehr umfasst als das gelegentliche Gespräch über Funk.
Amateurfunk verbindet klassische Funktechnik mit moderner IT: Raspberry Pi, digitale Sprachübertragung, Netzwerke, Software, Automatisierung und selbst gebaute Infrastruktur gehören heute ganz selbstverständlich dazu. Meine eigenen Projekte rund um SvxLink und den Aufbau eines 23-Zentimeter-Relais zeigen diese Verbindung sehr deutlich.
Ohne die Offenheit des Barcamp-Formats wären manche Teilnehmer vielleicht nie auf dieses Thema gestoßen. Und ich selbst wäre in anderen Sessions vermutlich nicht mit Themen in Berührung gekommen, die außerhalb meines üblichen Blickfelds liegen.
Genau dieser Blick über den Tellerrand ist für mich ein wesentlicher Wert eines Barcamps.
Nicht alles, was „Camp“ heißt, ist ein Barcamp
Der Begriff „Camp“ wird heute für viele Veranstaltungen verwendet: Transformation Camps, Innovation Camps, Bootcamps oder Marketing Camps. Das Wort allein bezeichnet jedoch kein festes Veranstaltungsformat.
Ein Event kann „Camp“ heißen und trotzdem eine ganz normale Konferenz mit vorher festgelegtem Programm, ausgewählten Referenten und klassischer Bühne sein. Daran ist grundsätzlich nichts falsch – es ist nur kein Barcamp.
Für ein klassisches Barcamp sind einige Merkmale entscheidend:
- Die Teilnehmer gestalten das Programm selbst.
- Die Sessions werden erst vor Ort geplant.
- Jeder kann ein Thema, eine Frage oder ein Problem einbringen.
- Austausch und Beteiligung stehen vor dem reinen Konsum von Vorträgen.
- Wissen wird auf Augenhöhe geteilt.
Sobald Themen vorher eingereicht, ausgewählt oder sogar durch eine Abstimmung zugelassen werden müssen, verändert sich der Charakter. Dann entscheidet nicht mehr die Gemeinschaft vor Ort über das Programm. Genau darüber wurde auch in Nürnberg lebhaft diskutiert.
Warum werden klassische Barcamps kleiner?
In den Anfangsjahren verbreiteten sich Barcamps stark über Blogs und später über Twitter. Dort gab es eine aktive IT-, Medien- und Webszene, die solche Veranstaltungen organisierte, besuchte und öffentlich begleitete.
Diese Öffentlichkeit ist heute stark auf viele Plattformen verteilt. Manche der damaligen Netzwerke existieren nicht mehr, andere sind kleiner geworden. Viele langjährige Teilnehmer haben inzwischen andere Verpflichtungen, und neue Interessierte erfahren oft gar nicht, dass es solche Veranstaltungen gibt.
Hinzu kommt ein Vermittlungsproblem: Wer noch nie bei einem Barcamp war, kann sich unter einer „Unkonferenz ohne festes Programm“ zunächst wenig vorstellen. Einige fragen sich vielleicht:
- Lohnt sich die Anreise, wenn das Programm vorher nicht feststeht?
- Muss ich selbst einen Vortrag halten?
- Passe ich dort überhaupt hinein?
- Was geschieht, wenn mir spontan kein eigenes Thema einfällt?
Diese Unsicherheit ist verständlich. Sie verschwindet meist schon nach der ersten Sessionplanung. Man sieht, wie der Plan entsteht, entscheidet sich für interessante Themen und kommt schnell mit anderen Menschen ins Gespräch.
Niemand wird gezwungen, eine Session anzubieten. Aber jeder kann etwas beitragen – durch eigene Erfahrungen, Fragen, Widerspruch oder einfach durch aufmerksames Zuhören.
Ein Problem mitbringen und möglicherweise mit einer Lösung heimfahren
Vielleicht ist das die einfachste Erklärung für den Nutzen eines Barcamps:
Man kann ein reales Problem mitbringen, es zur Session machen und gemeinsam mit anderen darüber nachdenken.
Möglicherweise erhält man nicht sofort die vollständige Lösung. Aber man bekommt neue Perspektiven, Hinweise auf Werkzeuge oder Kontakte zu Menschen, die eine ähnliche Aufgabe bereits bewältigt haben.
Und manchmal entdeckt man nebenbei ein Thema, nach dem man selbst nie gesucht hätte.
Auf einer klassischen Konferenz entscheidet der Veranstalter, welches Wissen vermittelt wird. Auf einem Barcamp bringen die Teilnehmer das Wissen und die Fragen mit, die an diesem Tag wirklich vorhanden sind. Dieses alte, einfache Prinzip funktioniert noch immer.
Das Barcamp Nürnberg hat funktioniert – jetzt muss man darüber sprechen
Auch Hubert Mayer, der das Wochenende ausführlich aus seiner Sicht beschrieben hat, zieht ein positives Fazit: wenige Menschen, aber eine gute Stimmung, vielfältige Sessions und eine familiäre Atmosphäre. Gleichzeitig weist er auf ein Problem hin: Über das Barcamp wurde während der Veranstaltung nur wenig öffentlich berichtet.
Seinen Rückblick findet ihr hier: Barcamp Nürnberg 2026 – viel KI, aber auch spannende andere Themen.
Wenn ein offenes Format neue Menschen erreichen soll, reicht es nicht, wenn nur die bereits Eingeweihten davon wissen. Wir müssen wieder erklären, was ein Barcamp ist, Bilder zeigen, Eindrücke teilen und vor allem die unnötige Scheu vor dem unbekannten Ablauf nehmen.
Vielleicht braucht es nicht sofort wieder Hunderte Teilnehmer. Schon einige neue Gesichter, neue Berufe, neue Fragen und neue Erfahrungen können ein Barcamp bereichern. Entscheidend ist, dass das Format offen bleibt und nicht zu einer gewöhnlichen Konferenz mit einem moderner klingenden Namen wird.
Mein Fazit
Das Barcamp Nürnberg 2026 hat mir gezeigt, dass das klassische Barcamp nicht überholt ist. Es funktioniert – sogar mit einer kleinen Teilnehmerzahl. Vielleicht funktioniert es in einer überschaubaren Runde manchmal sogar besonders gut.
Was dem Format fehlt, sind nicht zwingend neue Regeln oder eine vollständig neue Ausrichtung. Es fehlt vor allem an Sichtbarkeit und an einer verständlichen Einladung an diejenigen, die bisher noch nie dabei waren.
Deshalb mein Vorschlag: Wenn ihr von einem echten Barcamp in eurer Nähe erfahrt, probiert es aus. Bringt eure Erfahrungen mit. Bringt eine Frage mit. Oder bringt genau das Problem mit, bei dem ihr allein nicht weiterkommt.
Vielleicht fahrt ihr am Abend nicht nur mit einer Lösung nach Hause, sondern auch mit neuen Ideen, neuen Kontakten und einem Thema, von dem ihr morgens noch gar nicht wusstet, dass es euch interessieren würde.
Ein Barcamp lebt nicht von einer Bühne. Es lebt von den Menschen, die sich beteiligen. Und genau deshalb wäre es schade, wenn dieses Format einfach verschwinden würde.